Zürcher Nachrichten - Rimac Nevera R: Jenseits der Vorstellungskraft

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Rimac Nevera R: Jenseits der Vorstellungskraft
Rimac Nevera R: Jenseits der Vorstellungskraft

Rimac Nevera R: Jenseits der Vorstellungskraft

Es gibt Fahrzeuge, die definieren eine Klasse. Und es gibt Fahrzeuge, die definieren einen Maßstab, für den es bislang nicht einmal eine vernünftige Skala gab. Der Rimac Nevera R ist genau so ein Fall: ein vollelektrisches Hypercar, das nicht bloß schneller ist als vieles, was man kennt – sondern dessen technische Logik eher aus dem Umfeld von Hochleistungsprüfständen, Aerodynamik-Laboren und Regelungssoftware stammt als aus der klassischen Sportwagen-Romantik.

Dabei ist der Nevera R nicht als „noch ein Sondermodell“ gedacht. Rimac beschreibt ihn als Gegenentwurf zur Grand-Tourer-Idee des ursprünglichen Nevera: weniger „Hyper GT“, mehr „Hyper Sportscar“. Der Buchstabe R steht dabei sinnbildlich für eine Philosophie, die man im Alltag selten so konsequent umgesetzt sieht: radikal, rebellisch, unerbittlich weiterentwickelt. Das Ziel ist klar – nicht nur Bestwerte in der Gerade, sondern vor allem eine neue Qualität in Kurven, beim Bremsen und in der Rückmeldung an den Fahrer.

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Leistung, die nicht mehr nach „Motor“ klingt, sondern nach System
Der Nevera R setzt auf vier Elektromotoren – jeder für ein Rad. Dieses Layout ist nicht neu im Rimac-Universum, aber in der R-Ausbaustufe wird es auf eine nächste Ebene gehoben. Im Mittelpunkt steht nicht allein die Maximalleistung, sondern die Art, wie präzise sie verteilt wird. Mit rund 1.571 kW (2.107 hp) bewegt sich der Nevera R in einer Leistungssphäre, in der klassische Vergleiche schnell lächerlich wirken: Nicht, weil Verbrenner „zu schwach“ wären, sondern weil das elektrische System aus Motoren, Inverter, Batterie und Software völlig anders skaliert.

Auf dem Papier ist das beeindruckend. In der Praxis wird es erst dann wirklich greifbar, wenn man die Konsequenzen versteht: Vier Antriebe bedeuten nicht nur Allrad – sie bedeuten, dass die Traktion und das Moment in Millisekunden radindividuell geformt werden können. Aus „viel Kraft“ wird „Kraft am richtigen Ort, zum richtigen Zeitpunkt“.

Aerodynamik: Abtrieb ohne Theater, Effizienz mit Ansage
Wer den Nevera R nur als „Nevera mit Flügel“ abtut, übersieht den Kern der Überarbeitung. Die R-Variante trägt einen großen, feststehenden Heckflügel und einen deutlich aggressiveren Aero-Aufbau samt großem Diffusor. Der Punkt ist nicht Show, sondern Physik: Mehr Anpressdruck bedeutet höhere Stabilität bei Tempo – und vor allem mehr Potenzial in schnellen Kurven sowie beim Anbremsen.

Rimac beziffert den Zugewinn sehr konkret: 15 Prozent mehr Abtrieb und zugleich 10 Prozent bessere aerodynamische Effizienz. Das ist eine Kombination, die in der Entwicklung anspruchsvoll ist, weil mehr Abtrieb oft mehr Luftwiderstand bedeutet. Genau hier zeigt sich, wie sehr der Nevera R als Gesamtsystem gedacht ist: Die Aerodynamik soll nicht nur „kleben“, sondern auch kontrollierbar bleiben – bei hohen Geschwindigkeiten ebenso wie auf verwinkelten Strecken.

Reifen, Geometrie, Räder: Der Kurvenfokus ist kein Marketing
Ein Hypercar kann nur so gut sein wie der Kontakt zur Straße. Deshalb setzt der Nevera R auf Michelin Cup 2 – Reifen, die klar auf Performance ausgelegt sind. Doch Reifen allein machen aus einem Fahrzeug keinen Kurvenkünstler. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Gummimischung, Temperaturfenster, Fahrwerksgeometrie und Regelung.

Rimac nennt auch hier messbare Effekte: 10 Prozent weniger Untersteuern, 5 Prozent mehr Querbeschleunigungs-Grip – und als Resultat eine um 3,8 Sekunden schnellere Rundenzeit auf einem Handlingkurs in Nardò. Dazu passt die Hardware-Seite: Der Nevera R tritt mit 21-Zoll-Rädern hinten und 20 Zoll vorn an – eine Kombination, die Traktion und Lenkpräzision unterstützt und den optisch „nach vorn drückenden“ Stand des Fahrzeugs zusätzlich unterstreicht.

Batterie und Thermik: 108 kWh als Leistungswerkzeug, nicht als Reichweiten-Statement
Im Nevera R arbeitet ein Batteriepaket der nächsten Generation mit 108 kWh. Bemerkenswert ist weniger die reine Kapazität als die Auslegung: Rimac spricht von einem leichteren Paket, das zugleich mehr Leistung und Effizienz ermöglichen soll. Für ein Hypercar, das auf wiederholbare Performance zielt, ist das der entscheidende Punkt. Denn extreme Beschleunigung ist nur die halbe Wahrheit – die andere Hälfte ist, wie stabil Temperaturhaushalt, Leistungsabgabe und Regelung bleiben, wenn das Fahrzeug nicht einmal, sondern immer wieder gefordert wird.

Gerade auf der Rennstrecke werden Batterien und Leistungselektronik gnadenlos entlarvt: Wenn die Thermik kippt, kippt die Performance. Der Nevera R setzt genau deshalb auf eine performanceorientierte Systemauslegung – mit dem Anspruch, die volle Charakteristik nicht nur „für einen Lauf“, sondern im wiederholten Einsatz abrufbar zu machen.

Bremsen: Wenn Beschleunigung absurd ist, muss Verzögerung übermenschlich wirken
In dieser Leistungsklasse ist Bremsleistung keine Nebensache, sondern eine Kernkompetenz. Der Nevera R nutzt EVO2-Bremsen als Carbon-Keramik-System mit Silikon-Matrix-Schicht, ausgelegt auf höhere Standfestigkeit, bessere Kühlung und Dauerbelastung. Das klingt nach Ingenieur-Vokabular – und genau darum geht es: Eine 2.000-PS-Klasse ist nur dann fahrbar, wenn Verzögerung, Pedalgefühl und Temperaturmanagement auf Augenhöhe sind.

Die besondere Pointe: Beim Nevera R sind Bremsen nicht „Komponente“, sondern Teil eines Gesamtversprechens. Ein Auto, das in Sekundenbruchteilen auf extreme Geschwindigkeiten schießt, muss ebenso überzeugend in Sekundenbruchteilen wieder stabil, präzise und kontrolliert zum Stillstand kommen – und zwar ohne, dass der Fahrer das Gefühl hat, gegen die Physik kämpfen zu müssen.

Software als eigentlicher Star: Torque Vectoring der nächsten Generation
Wenn man beim Nevera R einen „Gamechanger“ benennen muss, dann ist es die Software – genauer: das All-Wheel Torque Vectoring (R-AWTV) der nächsten Generation und die darauf abgestimmten Assistenz- und Fahrdynamikfunktionen. Denn vier Motoren sind nur dann ein Vorteil, wenn sie nicht gegeneinander arbeiten, sondern wie ein Orchester spielen.

Rimac hat dafür nicht nur das Torque Vectoring neu abgestimmt, sondern auch Traktionskontrolle, Drift-Mode und Lenkungsabstimmung überarbeitet. Der Anspruch: schärferes Einlenken, klarere Rückmeldung, höhere Vorhersagbarkeit – selbst dann, wenn Bedingungen schlechter werden. In einer Zeit, in der viele Supersportwagen sich über „mehr Leistung“ definieren, wirkt der Nevera R fast wie ein Gegenstatement: Entscheidend ist nicht nur, wie viel Kraft vorhanden ist, sondern wie intelligent sie eingesetzt wird.

Rekorde, die nicht als Show gedacht sind – sondern als Beleg
Rimac ordnet den Nevera R in eine Reihe von verifizierten Performance-Bestwerten ein. Für das Jahr 2025 wird von 24 bestätigten Rekorden gesprochen – darunter Werte, die sich eher wie Laborparameter lesen: 0–60 mph in 1,66 Sekunden, 300 km/h in 8,66 Sekunden und eine dokumentierte Höchstgeschwindigkeit von 431,45 km/h. Gleichzeitig zeigt die Praxis, dass solche Höchstgeschwindigkeiten in der Regel nur unter definierten Bedingungen und mit Freigabe abrufbar sind – denn in dieser Region ist Geschwindigkeit nicht mehr „Fahrleistung“, sondern Risikomanagement.

Das Interessante daran ist weniger der Rekord als die Aussage dahinter: Der Nevera R ist nicht auf eine einzelne Disziplin optimiert, sondern auf ein Paket, das Beschleunigung, Stabilität, Bremsen, Grip und Regelung zusammenführt. Genau dadurch entsteht diese neue, schwer einzuordnende Dimension: Ein Straßenfahrzeug, das in Messwerten und Systemlogik an Prototypen erinnert – und dennoch als Serienfahrzeug gedacht ist.

Exklusivität mit realen Konsequenzen: 40 Fahrzeuge – und eine „Founder’s Edition“
Der Nevera R ist auf 40 Exemplare weltweit begrenzt. In diesem Kontext wirkt „limitiert“ nicht wie Verkaufsargument, sondern wie technische Notwendigkeit: Handaufbau, Materialeinsatz, Entwicklungsaufwand und Individualisierung sind in dieser Liga Teil des Produkts.

Hinzu kommt eine auf zehn Fahrzeuge begrenzte Founder’s Edition, die in der Öffentlichkeit Anfang 2026 sichtbar wurde – inklusive erster Auslieferung im Rahmen eines Winter-Events in St. Moritz. Diese Edition zielt nicht auf mehr Leistung, sondern auf maximale Personalisierung und ein besonderes Besitzer-Erlebnis: von intensiver Konfiguration am Rimac Campus in Zagreb bis zu Fahrertraining durch das Testteam. Das Signal ist eindeutig: Der Nevera R ist nicht nur ein Auto, sondern ein Programm – ein Hochleistungsprojekt mit Straßenzulassung.

Der Moment, in dem „außerhalb normaler Vorstellungen“ wörtlich wird: Rimac-Technik in der Luftfahrt
Wie weit dieses Selbstverständnis reicht, zeigt ein Ereignis aus Februar 2026, das auf den ersten Blick mit Autos wenig zu tun hat: Kunstflugpilot Dario Costa setzte ein Flugzeug auf einem fahrenden Güterzug auf und стартete anschließend wieder – ein Manöver, das nach Angaben der Beteiligten in dieser Form zuvor nicht durchgeführt wurde. Die Eckdaten wirken wie eine Prüffrage aus einem Ingenieurstudium: 120 km/h Zuggeschwindigkeit, 2,5 Kilometer Strecke, 87 km/h Anflug nahe Strömungsabriss, starke Luftverwirbelungen, eine 50-Sekunden-Zeitlücke für Aufsetzen, Abbremsen, Beschleunigen, Abheben.

Und mittendrin: Rimac Nevera und Nevera R als Trainingswerkzeuge. Auf einem Flughafen in Kroatien wurde ein mehrtägiges Testprogramm gefahren, bei dem die Hypercars als hochpräzise, bewegliche Referenzplattform dienten – um Tempo-Synchronisation, Abstandsschätzung und Timing unter realen Bedingungen zu trainieren. Genau hier bekommt die Nevera-R-Idee eine zweite Ebene: Wenn ein Auto als „beweglicher Referenzpunkt“ für ein Luftfahrt-Manöver dient, ist das keine PR-Anekdote, sondern ein Hinweis darauf, wie präzise und reproduzierbar solche Systeme arbeiten können.

Noch spannender: Rimac-Ingenieure unterstützten das Projekt auch abseits der Fahrzeuge – mit einem maßgeschneiderten Sitz für den Piloten, gefertigt mit Know-how aus Verbundwerkstoffen und Ergonomie, und mit Strömungssimulationen zur aerodynamischen Optimierung der Cockpitkanzel. Spätestens an diesem Punkt verschwimmt die Grenze zwischen Automobil- und Luftfahrtentwicklung. Der Nevera R steht damit nicht nur für ein neues Hypercar, sondern für eine technische Kompetenz, die sich in angrenzenden Hochleistungswelten einsetzen lässt.

Fazit: Der Nevera R ist kein „schnelles Auto“ – er ist ein mobiles Entwicklungsstatement
Der Rimac Nevera R 2026 ist die Art Fahrzeug, die man nicht sinnvoll über „PS“ oder „0–100“ erklärt – obwohl genau diese Zahlen atemberaubend sind. Sein eigentlicher Kern liegt in der Systemidee: vier Motoren, Hochleistungsbatterie, Aerodynamik, Reifen, Bremsen und Regelung als eng verzahnte Einheit. Dazu ein Anspruch, der ungewöhnlich konsequent wirkt: nicht nur Rekorde setzen, sondern Fahrdynamik so zu beherrschen, dass sie reproduzierbar, nutzbar und kontrollierbar bleibt.
So entsteht diese neue Dimension außerhalb normaler Vorstellungen: ein Hypercar, das nicht so tut, als wäre es ein Rennwagen – sondern eines, das Rennwagen-Logik in ein Serienprodukt übersetzt. Und das dabei zeigt, dass Hochleistung heute weniger nach Benzingeruch riecht – sondern nach Software, Strömungsbildern, Materialtechnik und präziser Kontrolle.