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Nach der Ermordung der elfjährigen Lyhanna in Frankreich will Justizminister Gérald Darmanin "im Rekordtempo" sämtliche Strafanzeigen bearbeiten lassen, die Kinder betreffen. Bis Mitte Juli sollen alle 70.000 derzeit vorliegenden Anzeigen geprüft werden, sagte Darmanin am Montag in Paris. Seinen Rücktritt schloss er aus und betonte, das Behördenversagen im Fall Lyhanna sei nicht auf sein Ministerium zurückzuführen.
"Gibt es noch weitere Fälle wie den von Lyhanna? Diese Frage muss gestellt werden", sagte Darmanin mit Blick auf die Tatsache, dass frühere Missbrauchsanzeigen gegen den mutmaßlichen Täter zu den Akten gelegt beziehungsweise über Monate hinweg nicht bearbeitet worden waren.
Der Minister sprach erneut von "extrem schweren Versäumnissen". Konkret erwähnte Darmanin eine Strafanzeige gegen den Verdächtigen im Fall Lyhanna vom Sommer 2025 wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen, die bislang nicht zu einem Verhör geführt hatte. "Ein Arzt hat anale Verletzungen festgestellt, die auf eine Vergewaltigung hinweisen. Ein Psychologe hat erklärt, dass man dem Mädchen glauben kann - und neun Monate später hatte man den Verdächtigen noch immer nicht festgenommen und verhört", sagte Darmanin. Das zeige eindeutig, "dass unser Justizsystem nicht funktioniert".
Der französischen Justiz fehle es weder an Mitteln noch an Gesetzen, erklärte der Justizminister: "Es ist eine Frage der Prioritätensetzung." Bei einem Treffen mit Vertretern der Staatsanwaltschaft forderte Darmanin diese auf, bis Mitte Juli alle Kinder betreffenden anhängigen Verfahren zu überprüfen. Er drohte den Justizbehörden mit Sanktionen, falls sich Fehlverhalten nachweisen lasse.
Der Richterverband wies die Vorwürfe des Ministers zurück. "Wer ist denn für das System verantwortlich, wenn nicht Sie?", erklärte die Justizgewerkschaft USM. Frankreich habe viermal weniger Staatsanwälte als im europäischen Durchschnitt. Die Digitalisierung der Justiz funktioniere nicht, und das Ministerium überhäufe die Behörden mit Anweisungen, die kaum umsetzbar seien.
Am Sonntag hatten im südwestfranzösischen Fleurance etwa 6000 Menschen an einem Trauermarsch für die ermordete Lyhanne teilgenommen. Die Leiche der Elfjährigen war sechs Tage nach ihrem Verschwinden in einem Getreidesilo gefunden worden. Der mutmaßliche Täter, in dessen Auto das Mädchen zuletzt gesehen wurde, war in der Vergangenheit mehrfach wegen Vergewaltigung Minderjähriger angezeigt worden. Der Mann befindet sich in Untersuchungshaft und verweigert die Aussage.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Auch wurde am Montag auch der Bruder des Verdächtigen wegen Verdachts auf Vergewaltigung Minderjähriger sowie wegen Vergewaltigung in der Partnerschaft, Freiheitsentzugs und Morddrohungen festgenommen.
Die Versäumnisse der Justiz im Fall Lyhanna haben in Frankreich Empörung ausgelöst. Auch Präsident Emmanuel Macron räumte Missstände im französischen Justizsystem ein.
I.Widmer--NZN