Zürcher Nachrichten - EZB sieht steigende Inflationsrisiken - aber noch keinen Bedarf für Zinsschritte

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EZB sieht steigende Inflationsrisiken - aber noch keinen Bedarf für Zinsschritte
EZB sieht steigende Inflationsrisiken - aber noch keinen Bedarf für Zinsschritte / Foto: Kirill KUDRYAVTSEV - AFP

EZB sieht steigende Inflationsrisiken - aber noch keinen Bedarf für Zinsschritte

Trotz steigender Preise wegen des Iran-Kriegs sieht die Europäische Zentralbank (EZB) vorerst weiter von möglichen Zinserhöhungen ab. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hob am Donnerstag in Frankfurt am Main hervor, dass sich zuletzt die "Aufwärtsrisiken" für die Inflation, aber auch die "Abwärtsrisiken" für das Wirtschaftswachstum erhöht hätten. Zugleich bekräftigte sie die Entschlossenheit des EZB-Rats, die Inflation zu zähmen und mittelfristig wieder auf zwei Prozent zu bringen.

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Im April erreichte die Teuerungsrate bei den Verbraucherpreisen in der Eurozone nach einer ersten Schätzung des Statistikamts Eurostat 3,0 Prozent - 0,4 Prozentpunkte mehr als im März. Im Februar hatte die Inflation noch bei 1,9 Prozent und damit unterhalb des EZB-Ziels von zwei Prozent gelegen.

Grund für den erheblichen Anstieg ist vor allem der Energiepreisschock infolge des Kriegs im Nahen Osten. Laut Eurostat stiegen die Energiepreise im April um 10,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.

Nach Auffassung der EZB ist dabei für die mittelfristige Inflationsentwicklung entscheidend, wie sich dies über "Zweitrundeneffekte" auch auf andere Bereiche auswirkt: Je länger der Krieg anhalte und je länger die Energiepreise auf hohem Niveau blieben, "desto stärker wird sich dies voraussichtlich auf die allgemeine Inflation und die Wirtschaft auswirken", erklärten die Währungshüter.

Je nach Entwicklung könnten dann auch Zinserhöhungen der EZB folgen. Auch über diese Option sei bei der Sitzung des EZB-Rates am Mittwoch und Donnerstag ausführlich diskutiert worden, sagte Lagarde.

Einstimmig vom Rat beschlossen wurde aber, wie von Analysten im Vorfeld erwartet, die Leitzinsen unverändert zu lassen, womit der auch für Sparer wichtige Einlagenzins weiter bei 2,0 Prozent bleibt. Der Hauptrefinanzierungssatz, zu dem sich Geschäftsbanken Geld von der EZB leihen können, liegt damit unverändert bei 2,15 Prozent und der Leitzinssatz zur kurzfristigen Beschaffung von Geld, der Spitzenrefinanzierungssatz, bei 2,40 Prozent.

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, Heiner Herkenhoff, begrüßte die EZB-Entscheidung: "Die Währungshüter zeigen Besonnenheit in einem äußerst heiklen Umfeld", erklärte er. Es sei deshalb richtig, sich mindestens bis zur nächsten Sitzung des EZB-Rats im Juni Zeit für die sorgfältige Analyse weiterer Daten zu lassen. Herkenhoff wies darauf hin, dass steigende Inflationserwartungen bereits zu höheren Zinsen am Kapitalmarkt geführt hätten. "Das bremst die Konjunktur, etwa über eine teurere Baufinanzierung."

Für die EZB würden die kommenden Monate nun ein "Balanceakt", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands weiter. "Sie sollte moderat die Zinsen erhöhen und zugleich klar machen, dass sie damit die angeschlagene Konjunktur keinesfalls abwürgen will." Höhere Zinsen dämpfen die Inflation, können aber auch die konjunkturelle Entwicklung hemmen.

Der Chefanalyst der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Volker Treier, wies am Donnerstag darauf hin, dass die Lieferketten wegen der Schließung der Straße von Hormus und zerstörter Öl-Förderanlagen "nachhaltig gestört" seien. "Selbst nach einer schnellen Entspannung und Öffnung der Straße von Hormus würden noch für Monate Probleme in den Lieferketten und ein hohes Maß an Verunsicherungen in den Märkten existieren", erklärte er.

Vor diesem Hintergrund sei bereits absehbar, "dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland auch in diesem Jahr sehr niedrig ausfallen wird", prognostizierte Treier. Die aktuelle Entscheidung der EZB sei angesichts der volatilen wirtschaftlichen Gesamtsituation angemessen. "Allerdings könnte die EZB schon bei ihrer nächsten Sitzung am 11. Juni anders reagieren und die Leitzinsen anheben, um ein Zeichen an die Marktteilnehmer zu senden, dass sie die Entwicklung der Preise im Blick hat", fügte er hinzu.

"Wir rechnen fest damit, dass die EZB im Juni die Zinsen um 25 Basispunkte anheben wird", erklärte auch Christoph Kutt von der DZ Bank. "So wollen die Notenbanker den Marktteilnehmern signalisieren, dass sie auf der Hut sind, um Zweitrundeneffekte aus dem energiepreisgetriebenen Inflationsanstieg einzudämmen", erläuterte er. Aufgrund der Konjunkturschwäche dürfte die EZB allerdings "mit Argusaugen darauf achten, die wirtschaftliche Dynamik nicht vollends zu ersticken."

N.Fischer--NZN