Zürcher Nachrichten - Zahlreiche Verletzte und Festnahmen: Frankreich von Welle der Gewalt erschüttert

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Zahlreiche Verletzte und Festnahmen: Frankreich von Welle der Gewalt erschüttert
Zahlreiche Verletzte und Festnahmen: Frankreich von Welle der Gewalt erschüttert / Foto: PASCAL LACHENAUD - AFP

Zahlreiche Verletzte und Festnahmen: Frankreich von Welle der Gewalt erschüttert

Brennende Gebäude, geplünderte Geschäfte, Straßenschlachten mit der Polizei: Frankreich ist am Wochenende von einer Welle der Gewalt erschüttert worden. Bei den Ausschreitungen am Rande von landesweiten Massenprotesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten wurden in der Nacht zum Sonntag nach Angaben des Innenministeriums mehr als 1800 Menschen festgenommen und mehr als 500 Polizisten und Feuerwehrleute verletzt. Premier Sébastien Lecornu zeigte sich entsetzt.

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Lecornu sagte am Samstagabend, die Sicherheitskräfte seien mit einem "extremen Ausmaß an Gewalt" konfrontiert gewesen. Es sei "ein Wunder, dass die Bilanz heute Abend nicht noch schlimmer ausfällt". Für den Sonntagabend berief die Regierung eine Krisensitzung ein.

In Frankreich hatten die sogenannte Gelbwesten-Bewegung, Gewerkschaften, Schüler, Studierende, Landwirte und andere Organisationen für Samstag zu einem Protesttag gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem aufgerufen. An den Protesten nahmen landesweit nach Regierungsangaben rund 550.000 Menschen teil, die Organisatoren sprachen von rund 800.000 Demonstranten.

In Städten wie Paris, Lyon und Marseille kam es am Rande der Demonstrationen zu Chaos und Gewalt. Maskierte Jugendliche setzten Autos in Brand und plünderten Geschäfte. Nach Angaben des Handelsverbands LCI waren 1500 Geschäftstreibende direkt betroffen, der Schaden summierte sich demnach auf mehrere hundert Millionen Euro.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verurteilte die Gewalt auf das Schärfste und kündigte eine rigorose Strafverfolgung an. "Zerstörer" und "Plünderer" sollten "verfolgt und bestraft" werden, erklärte er im Kurzbotschaftendienst X.

In der zentralfranzösischen Stadt Limoges ging das historische Rathaus in Flammen auf. Am Sonntagmorgen teilten die Behörden mit, dass das Feuer inzwischen unter Kontrolle sei. "Das Feuer wurde vorsätzlich gelegt", sagte der zuständige Präfekt Maurice Barate. Das Rathaus sei "zum großen Teil verloren". Er machte eine "wilde Horde" für den Brand verantwortlich, durch den das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert schwer beschädigt wurde.

Auch in Marseille wurde das Rathaus gestürmt. "Es ist Revolution! Wir stürmen die Bastille", riefen die Demonstranten in Anspielung auf die Französische Revolution 1789, wie ein AFP-Reporter beobachtete. Gestürmt wurde auch die offizielle Residenz der Präfektin des Départements Gironde an der Atlantikküste. Dort wurde das Polizei-Sondereinsatzkommando Raid mobilisiert.

In Paris, wo laut Innenministerium 110.000 Menschen an den Protesten teilnahmen, wurden nach Angaben von Bürgermeister Emmanuel Grégoire ganze Straßen "systematisch verwüstet". Die Polizei setzte in der Hauptstadt wiederholt Tränengas und Wasserwerfer ein. Allein in der Hauptstadt wurden laut Polizei mehr als 850 Menschen festgenommen. Vize-Bürgermeisterin Lamia El Aaraje sprach von einem "nie dagewesenen Ausmaß der Gewalt" und kritisierte "fehlende Mittel" der Polizei, um gegen Plünderungen vorzugehen.

Schon seit Mitte September demonstrieren Schüler in Frankreich, sie fordern mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen und eine bessere Ausstattung. Die Proteste ereignen sich vor dem Hintergrund der Debatte um einen Sparhaushalt, den die Regierung durchs Parlament bekommen will. Dieser sieht auch Kürzungen im Bildungsbereich vor.

Die Wut der Schüler vereinte sich am Samstag mit der Wut vieler Erwachsener über gestiegene Lebenshaltungskosten. Die Gelbwesten-Bewegung hatte bereits 2018 mit Protesten gegen die Erhöhung der Kraftstoffsteuern landesweite Massendemonstrationen ausgelöst.

Die Proteste ereignen sich rund ein halbes Jahr vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich, bei der Macron nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten kann. In Umfragen vorne liegen derzeit die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon.

Die politischen Lager stritten derweil über die Deutungshoheit über die Proteste. Macron und Le Pen machten die "extreme Linke" für die Ausschreitungen verantwortlich. "Plünderungen, Raubzüge, Angriffe auf die Polizei - Randalierer haben die Demonstrationen vom 17. Oktober gegen die hohen Lebenshaltungskosten erneut in Verruf gebracht", erklärte Le Pen.

Mélenchon von der Linkspartei LFI erklärte dagegen, die meisten Demonstrationen seien "friedlich verlaufen". Er warf den Medien vor, "uns mit Bildern von Gewalt zu überschütten". Der Analyst Mujtaba Rahman von der Denkfabrik Eurasia Group schrieb auf X ebenfalls, die meisten Proteste seien friedlich verlaufen. Die "schrecklichen Szenen" seien kein politischer Protest, verantwortlich seien linke Randgruppen und Banden aus den verarmten Vororten gewesen. "Alles gute Nachrichten für Marine Le Pen", fügte er hinzu.

US-Vizepräsident JD Vance machte derweil die Einwanderung für die Randale verantwortlich. "Westliche Liberale haben im Namen von Diversität und Mitgefühl die Dritte Welt nach Frankreich und in andere Länder importiert", schrieb der Stellvertreter von US-Präsident Donald Trump auf X. Sie hätten "grundlegende Fragen der Vereinbarkeit" ignoriert.

T.L.Marti--NZN