Zürcher Nachrichten - Grönland-Einigung und nun?

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Grönland-Einigung und nun?




Seit Anfang des laufenden Jahres 2026 hat sich ein diplomatischer Krimi um die arktische Insel Grönland entwickelt. US‑Präsident Donald Trump, der die Insel schon 2019 kaufen wollte, hat seinen Anspruch in seiner zweiten Amtszeit zur Staatsdoktrin erhoben. Er begründet dies mit geopolitischen und sicherheitspolitischen Argumenten und droht europäischen Verbündeten mit Strafzöllen. Obwohl die USA und die NATO in Davos ein vorläufiges Rahmenabkommen ausgearbeitet haben, bleibt die Lage angespannt – und die Einwohner Grönlands lehnen die Übernahme weiter ab.

Ein Konflikt mit Vorgeschichte
Bereits im Frühjahr und Sommer des vergangenen Jahres 2025 hatte Trump einen Handelskrieg mit der EU vom Zaun gebrochen. Die Union lenkte damals ein, um ihre angeschlagene Wirtschaft zu schützen. Unter Vermittlung von Bundeskanzler Friedrich Merz akzeptierte Brüssel ein asymmetrisches Abkommen, das alle Zölle auf US‑Waren abschaffte, während Washington auf Importe aus Europa einen Basiszoll von 15 Prozent und auf bestimmte Produkte sogar noch höhere Abgaben erhob. Diese „Zollwende“ diente als Muster dafür, wie der US‑Präsident wirtschaftlichen Druck nutzt, um politische Ziele durchzusetzen. Als Trump im Januar 2026 seine Drohung erneuerte, trug er auf der Handelsfront erneut schwer auf: Ab 1. Februar sollten Zölle von 10 Prozent auf Waren aus Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Norwegen, Schweden, Finnland und den Niederlanden erhoben werden, ab 1. Juni sollten sie auf 25 Prozent steigen – es sei denn, Dänemark veräußere Grönland. Für die exportorientierte deutsche Industrie, deren Lieferungen in die USA 2025 bereits um fast zehn Prozent eingebrochen waren, wären weitere Zölle ein schwerer Schlag. Verbandsvertreter warnten, der Vertrauensverlust durch Trumps Unberechenbarkeit gefährde Investitionen.

Drohkulisse und militärische Signale
Trump rechtfertigt seine Forderung nach der Übernahme Grönlands mit dem Hinweis, Russland und China könnten dort militärisch Fuß fassen. Er erklärte am 9. Januar, die USA würden nicht zulassen, dass andere Mächte die Insel besetzen; falls Dänemark nicht verkaufe, müsse Washington „auf angenehme oder schwierigere Art“ handeln. In seinem Kurznachrichtendienst betonte er, die USA hätten Europa Jahrzehnte lang subventioniert und es sei „an der Zeit, etwas zurückzugeben“. Worte wie diese provozieren Erinnerungen an die Alaska‑ und Louisiana‑Käufe des 19. Jahrhunderts.

Europa reagierte auf die Drohkulisse nicht nur mit Empörung, sondern auch mit Taten. Weil Gespräche zwischen Dänemark und den USA ergebnislos geblieben waren, entsandten mehrere NATO‑Staaten Mitte Januar ein Erkundungskontingent nach Grönland; auch 15 Bundeswehrsoldaten beteiligten sich. Die Mission sollte die Bedingungen für gemeinsame Manöver prüfen und ein „roter Strich“ im Eis sein. Die EU veröffentlichte zudem eine gemeinsame Erklärung: Man stehe zum Prinzip der Souveränität und territorialen Integrität, Zolldrohungen gefährdeten die transatlantischen Beziehungen, und man werde geeint und koordiniert reagieren. Vizekanzler Lars Klingbeil warnte, Europa dürfe sich nicht erpressen lassen. Auf politischer Ebene reagierten einzelne Staaten unterschiedlich: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Großbritanniens Premierminister Keir Starmer verurteilten die Drohungen offen, während Bundeskanzler Merz zunächst schwieg. Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni nannte die Zölle „einen Fehler“ und forderte Deeskalation.

Auch in den USA war Trumps Vorgehen umstritten. Der demokratische Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer, kündigte an, die zusätzlichen Zölle stoppen zu wollen; sowohl Demokraten als auch Republikaner warnten, höhere Zölle würden die Preise für Familien und Unternehmen erhöhen. Mehrere Gouverneure – darunter Andy Beshear aus Kentucky und Gretchen Whitmer aus Michigan – bezeichneten Trumps Anspruch auf Grönland als „bescheuert“ und betonten, die Amerikaner wollten keine Übernahme. Selbst der republikanische Gouverneur Kevin Stitt gab zu, die USA könnten bereits militärische Basen auf der Insel errichten und müssten sie nicht besitzen.

Der vermeintliche Durchbruch in Davos
Am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos traf sich Donald Trump am 21. Januar 2026 mit NATO‑Generalsekretär Mark Rutte. Anschließend verkündete er überraschend, eine „großartige Lösung“ sei in Aussicht: Ein Rahmenabkommen sei erreicht, daher würden die für den 1. Februar geplanten Zölle vorerst nicht verhängt. Rutte bestätigte, dass es einen groben Plan gebe und weitere Gespräche folgen sollten. Nach Informationen aus Teilnehmerkreisen besteht der Entwurf aus vier Punkten: Erstens verzichtet Washington vorerst auf die geplanten Strafzölle; zweitens soll der Stationierungsvertrag von 1951 überarbeitet werden, wobei das Raketenabwehrprojekt „Golden Dome“ für mehr US‑Präsenz in der Arktis berücksichtigt wird; drittens bekommen die USA ein Mitspracherecht bei Investitionen in Grönland, um Einflussnahme aus China und Russland zu verhindern; viertens verpflichten sich europäische NATO‑Staaten zu einem stärkeren Engagement in der Arktis.

Viele Fragen bleiben indes offen. Weder Trump noch Rutte erwähnten die heikle Frage der Souveränität, die nach Ruttes Worten „kein Thema“ gewesen sei. Beobachter warnen deshalb, dass es sich lediglich um eine Skizze handle. Europäische Regierungen mahnen zur Vorsicht und betrachten die Kehrtwende eher als Atempause. Der EU‑Sondergipfel zur Zollkrise soll trotz des vermeintlichen Deals stattfinden, um eine gemeinsame Strategie zu beraten.

Warum Grönland so begehrt ist
Grönland ist die größte Insel der Welt, reich an seltenen Erden, Gold, Diamanten, Uran, Zink, Blei sowie potenziellen Öl‑ und Gasvorkommen. Strategisch liegt sie auf der kürzesten Route zwischen Nordamerika und Europa und beherbergt schon jetzt einen US‑Luftwaffenstützpunkt mit Frühwarnsystem für ballistische Raketen. Der Klimawandel öffnet neue Schiffsrouten, wodurch die Arktis wirtschaftlich attraktiver wird. Für Washington ist entscheidend, dass keine andere Großmacht auf der Insel Fuß fasst. Die Biden‑Nachfolgeadministration hat bereits in den Stationierungsverträgen mit Dänemark einen weitreichenden Zugriff auf die Basis vereinbart; ein Ausbau wäre auch ohne einen Eigentumswechsel möglich.

Grönländer sagen Nein – das Volk wehrt sich
Während Politiker um geopolitische Verträge feilschen, melden sich die Menschen in Grönland zu Wort. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Verian im Auftrag der grönländischen Zeitung Sermitsiaq und der dänischen Tageszeitung Berlingske ergab, dass 85 Prozent der Einwohner eine Eingliederung in die USA ablehnen; nur sechs Prozent würden einem Anschluss zustimmen, neun Prozent sind unentschlossen. Auch Deutschlandfunk berichtete über eine Umfrage, nach der 85 Prozent der Grönländer die US‑Pläne ablehnen.

Der frühere Regierungschef Múte B. Egede äußerte schon Anfang 2025: „Wir wollen keine Dänen sein. Wir wollen auch keine Amerikaner sein. Wir wollen Grönländer sein“. Dieser Satz fasst die Stimmung vieler Bürger zusammen, die sich seit Jahren für mehr Unabhängigkeit von Dänemark starkmachen, aber keinen neuen Kolonialherrn akzeptieren wollen. Grönlands heutiger Regierungschef Jens‑Frederik Nielsen setzt ebenfalls auf einen behutsamen Weg zur Unabhängigkeit. Am 17. Januar 2026 marschierten unter seiner Führung Tausende Demonstranten in Nuuk zum US‑Konsulat, um gegen die Ansprüche Trumps zu protestieren.

Europa zwischen Abhängigkeit und Selbstbehauptung
Der Grönland‑Streit macht deutlich, wie abhängig die europäische Sicherheit von den USA ist. Mehrere Gäste der ZDF‑Talkshow „Maybrit Illner“ erinnerten daran, dass ein Europa ohne NATO heute nicht überlebensfähig wäre; die USA stellen den nuklearen Schutzschirm und viele wichtige Fähigkeiten bereit. Deshalb warnten Experten vor einer Eskalation, die zum Bruch des Bündnisses führen könnte. In der Sendung merkte CDU‑Außenpolitiker Norbert Röttgen an: „Was soll er eigentlich machen, wenn die Grönländer sagen: nein. Soll er da 10 000 Soldaten ins Eis stellen?“. Ex‑Außenministerin Annalena Baerbock, heute Präsidentin der UN‑Vollversammlung, verwies auf die Charta der Vereinten Nationen: Staaten hätten kein Recht, in das Territorium anderer Staaten einzudringen, und das Recht des Stärkeren dürfe nicht gelten.

Dennoch wächst in Europa der Wille, eigenständiger zu werden. Bereits während Trumps erster Amtszeit hatte die EU mit der „Ständigen strukturierten Zusammenarbeit“ (Pesco) den Grundstein für eine europäische Verteidigungsunion gelegt. Doch eine echte militärische Souveränität ist noch fern; viele Staaten fürchten, ohne US‑Unterstützung verwundbar zu sein. Gleichzeitig verweisen Beobachter darauf, dass sich Trumps Druck auch gegen europäische Regulierungen wie Digitalsteuer oder Datenschutzrichtlinien richten könnte.

Analyse und kurzfristiger Ausblick
Die Ankündigung eines Rahmenabkommens in Davos hat den Konflikt um Grönland zumindest vorerst entschärft. Doch der angebliche Deal beruht auf vagen Formulierungen. Die zentrale Frage der Souveränität blieb ausgespart, und selbst US‑Verhandler räumen ein, dass die Details erst ausgearbeitet werden müssen. Die vier vereinbarten Säulen – Aussetzen der Zölle, Neubewertung des Stationierungsvertrags, US‑Mitspracherecht bei Investitionen und stärkeres europäisches Engagement – könnten in der Praxis auf unbestimmte Zeit hinausgezögert werden. Solange Washington kein Recht zur Annexion erhält, wird Trump weiter Druck ausüben.

Für die EU bleibt es ein Balanceakt: Einerseits will sie ihre wichtigsten wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA nicht aufs Spiel setzen; andererseits muss sie zeigen, dass sie die Souveränität ihrer Mitglieder und Partner verteidigt. Der Konflikt hat die Debatte über europäische Autonomie neu entfacht. Gleichzeitig schließen sich Risse in der transatlantischen Partnerschaft nicht von selbst.

Die Menschen in Grönland haben unterdessen deutlich gemacht, dass sie nicht bereit sind, ihre Insel zu verkaufen. Solange diese Haltung besteht, wird Trump seinen Willen ohne massive Gewalt nicht durchsetzen können. Und wie Norbert Röttgen in der Talkshow spöttisch fragte, müssten dafür wohl 10 000 Soldaten in den Schnee geschickt werden – ein Szenario, das selbst in Washington auf wenig Gegenliebe stößt. Insofern erscheint es wahrscheinlich, dass der Streit um Grönland die transatlantischen Beziehungen weiter belasten wird, bis eine Lösung gefunden wird, die sowohl die Sicherheitsinteressen der USA als auch die Souveränität der Inselbewohner respektiert.



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