Zürcher Nachrichten - Chinas Batterie-Offensive

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Chinas Batterie-Offensive




China hat seine Solarindustrie nicht verloren. Es hat sie überproduziert. Was derzeit wie ein Zusammenbruch wirkt, ist deshalb weniger das Ende einer technologischen Erfolgsgeschichte als der Kollaps eines Geschäftsmodells, das über Jahre auf immer größeren Fabriken, immer niedrigeren Preisen und einem nahezu grenzenlosen Wachstum der Nachfrage beruhte. Während Hersteller von Solarmodulen Milliardenverluste melden und Peking gegen ruinöse Preiskämpfe einschreitet, verschiebt sich das strategische Zentrum der chinesischen Energiewirtschaft bereits in den nächsten Markt: Batterien, Stromspeicher und vollständig steuerbare Energiesysteme.

Anfang August 2026 bietet Chinas Energiewirtschaft ein widersprüchliches Bild. Auf der einen Seite stehen Solarfabriken, die nicht ausgelastet sind, Hersteller, die ihre Produkte teilweise kaum noch kostendeckend verkaufen können, und Konzerne, deren Bilanzen trotz gewaltiger Produktionsmengen tiefrote Zahlen ausweisen. Auf der anderen Seite entsteht im selben Land die weltweit mächtigste Industrie für Batteriespeicher, Stromnetzstabilisierung und die zeitliche Steuerung erneuerbarer Energie.

Diese Entwicklung ist kein zufälliger Branchenwechsel. Sie folgt einer industriepolitischen Logik. China hat zunächst die Herstellung günstiger Solarmodule industrialisiert und damit die Kosten der Photovoltaik weltweit gesenkt. Nun geht es darum, den Strom aus diesen Modulen zuverlässig verfügbar zu machen, wenn die Sonne nicht scheint, die Nachfrage steigt oder Rechenzentren, Fabriken und Verkehrssysteme kurzfristig enorme Energiemengen benötigen. Der entscheidende Rohstoff der kommenden Industriegesellschaft ist nicht allein Elektrizität. Es ist Elektrizität zum richtigen Zeitpunkt. Genau an dieser Stelle beginnt Chinas nächste Offensive.

Der Kollaps betrifft vor allem die Gewinne
Der Begriff Kollaps beschreibt den Zustand der chinesischen Solarbranche nur unvollständig. Die Produktionsanlagen verschwinden nicht, das technologische Wissen geht nicht verloren und die chinesischen Hersteller verlieren auch nicht plötzlich ihre globale Bedeutung. Zusammengebrochen ist vor allem die Ertragskraft der Branche. In den Jahren des weltweiten Solarbooms investierten Unternehmen, Provinzregierungen und staatlich unterstützte Finanzinstitute enorme Summen in neue Kapazitäten. Neue Fabriken für Polysilizium, Wafer, Solarzellen und fertige Module entstanden in einer Geschwindigkeit, mit der die tatsächliche Nachfrage schließlich nicht mehr Schritt halten konnte. Viele Unternehmen bauten ihre Produktion nicht nur aus, um bestehende Aufträge zu bedienen, sondern auch, um Marktanteile zu sichern, Skaleneffekte zu erzielen und Konkurrenten durch niedrigere Preise unter Druck zu setzen.

Das Ergebnis war ein Überangebot entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Module wurden immer günstiger, doch der Preisverfall überholte die Einsparungen bei Material, Energie und Fertigung. Was für Betreiber von Solaranlagen zunächst wie ein Geschenk erschien, wurde für die Hersteller zu einer existenziellen Belastung. Hohe Auslieferungsmengen bedeuteten nicht mehr automatisch steigende Gewinne. In vielen Fällen wuchs mit jedem verkauften Modul lediglich der finanzielle Druck. Mehrere große chinesische Solarkonzerne rechnen für das erste Halbjahr 2026 erneut mit Verlusten in Milliardenhöhe. Bei einzelnen Unternehmen bewegen sich die erwarteten Fehlbeträge zwischen rund drei und mehr als fünf Milliarden Yuan. Selbst Marktführer, die über moderne Fabriken, internationale Vertriebskanäle und eine weitgehend integrierte Lieferkette verfügen, können sich dem Preisverfall nicht entziehen.

Für kleinere Hersteller ist die Situation noch gefährlicher. Ihnen fehlen häufig die finanziellen Reserven, die technologischen Spitzenprodukte und die internationale Reichweite der Branchenriesen. Der chinesische Solarmarkt steht deshalb vor einer Konsolidierung, bei der Unternehmen schließen, übernommen werden oder aus besonders kapitalintensiven Produktionsstufen aussteigen dürften.

Der Einbruch des Solarausbaus braucht eine genaue Einordnung
Auch auf dem chinesischen Heimatmarkt hat sich die Dynamik verändert. Im ersten Halbjahr 2026 wurden rund 72 Gigawatt neue Solarleistung installiert. Gegenüber dem außergewöhnlich starken Vorjahreszeitraum entspricht dies einem Rückgang von etwa 66 Prozent. Diese Zahl wirkt dramatisch, ist aber ohne den politischen Hintergrund missverständlich. Im Frühjahr 2025 hatten Projektentwickler den Bau zahlreicher Anlagen vorgezogen, um noch von den damals geltenden garantierten Vergütungsbedingungen zu profitieren. Vor der Umstellung auf stärker marktbasierte Strompreise entstand ein einmaliger Installationsansturm. Allein im Mai 2025 wurden fast 93 Gigawatt neue Solarleistung ans Netz gebracht.

Der Vergleich zwischen 2025 und 2026 wird deshalb durch diesen Vorzieheffekt erheblich verzerrt. Dennoch ist der Richtungswechsel real. Für das Gesamtjahr 2026 wird nur noch mit einem Zubau von etwa 180 bis 240 Gigawatt gerechnet. Nach dem Rekord von rund 315 Gigawatt im Jahr 2025 könnte dies der erste jährliche Rückgang seit 2019 werden. Von einem Ende des chinesischen Solarausbaus kann trotzdem keine Rede sein. Selbst das untere Ende der Prognose wäre größer als der gesamte jährliche Markt vieler Weltregionen. China verfügt inzwischen über mehr als 1,2 Terawatt installierte Solarleistung und bleibt sowohl bei der Produktion als auch beim Aufbau neuer Anlagen das mit Abstand wichtigste Land der Welt.

Der eigentliche Einschnitt besteht darin, dass Photovoltaik in China nicht länger außerhalb der normalen Marktlogik wachsen kann. Neue Anlagen müssen sich stärker an Strompreisen, Netzkapazitäten, Abregelungsrisiken und der tatsächlichen Nachfrage orientieren. Damit verliert der bloße Zubau an Bedeutung. Wertvoll wird künftig nicht mehr nur, wer möglichst viele Module installiert, sondern wer den erzeugten Strom speichern, transportieren und wirtschaftlich einsetzen kann.

Peking zieht gegen den Preiskrieg zu Felde
Die chinesische Führung bezeichnet den zerstörerischen Wettbewerb inzwischen als eine Form wirtschaftlicher Selbstzerstörung. Gemeint ist eine Konkurrenz, bei der Unternehmen ihre Preise immer weiter senken, obwohl sie kaum noch Gewinne erzielen, und gleichzeitig neue Produktionskapazitäten errichten, um ihre Marktstellung nicht zu verlieren. Ende Juli 2026 verschärften die Aufsichtsbehörden den Druck auf die Solarhersteller. Die Unternehmen wurden aufgefordert, sich stärker an realistischen Kostenrechnungen zu orientieren, die Qualität ihrer Produkte in den Mittelpunkt zu stellen und ruinöse Preisstrategien zu beenden. Damit versucht Peking, einen Markt zu stabilisieren, dessen niedrige Preise zwar Chinas internationale Dominanz sichern, zugleich aber die wirtschaftliche Substanz der eigenen Konzerne angreifen.

Ein geordneter Kapazitätsabbau ist allerdings schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheint. Viele Fabriken sind für ihre Standorte von enormer Bedeutung. Sie sichern Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Aufträge für lokale Zulieferer. Provinzregierungen haben deshalb wenig Interesse daran, große Anlagen zu schließen, selbst wenn diese nur schwach ausgelastet sind. Hinzu kommt, dass chinesische Unternehmen ihre Marktanteile nicht kampflos aufgeben wollen. Wer seine Produktion heute reduziert, könnte bei einer späteren Erholung der Nachfrage schlechter dastehen. So entsteht ein klassisches Gefangenendilemma: Für die gesamte Branche wäre weniger Produktion vernünftig, für jedes einzelne Unternehmen kann der Rückzug jedoch gefährlich sein.

Auch die Exportmärkte lösen das Problem nicht vollständig. Chinesische Solarmodule bleiben weltweit gefragt, doch Einfuhrzölle, Handelsbarrieren, lokale Produktionsvorgaben und politische Sicherheitsbedenken nehmen zu. Zudem können Ausfuhrmengen steigen, während der finanzielle Wert der Exporte wegen fallender Preise sinkt. Die verbreitete Behauptung, Chinas Solarexporte seien schlicht um nahezu die Hälfte eingebrochen, greift deshalb zu kurz. Mengen, Preise und Exporterlöse entwickeln sich nicht zwangsläufig in dieselbe Richtung.

Die Batterie wird zur Schaltstelle des Energiesystems
Während die Solarhersteller um ihre Margen kämpfen, wächst der chinesische Speichermarkt mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit. Bis Ende Juni 2026 erreichte die installierte Leistung der sogenannten neuen Energiespeicher rund 153 Gigawatt. Das waren etwa 61 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Pumpspeicherkraftwerke werden in dieser Kategorie nicht mitgerechnet. Zum Ende des Jahres 2025 hatte die Speicherkapazität noch bei rund 136 Gigawatt gelegen. Zu Beginn des vorherigen Fünfjahreszeitraums waren es lediglich etwa drei Gigawatt gewesen. Innerhalb weniger Jahre verwandelte China einen kleinen Technologiemarkt in einen zentralen Bestandteil seiner Stromversorgung.

Diese Entwicklung verändert die wirtschaftliche Bedeutung der Batterie. Sie ist nicht länger nur ein Bauteil für Smartphones oder Elektroautos. Große Batteriespeicher können Strom aufnehmen, wenn Wind- und Solaranlagen mehr produzieren als das Netz unmittelbar benötigt. Sie geben Energie ab, wenn die Nachfrage steigt, gleichen Frequenzschwankungen aus und können innerhalb kürzester Zeit auf Störungen reagieren.

Damit werden Speicher zu einer Art digital steuerbarem Kraftwerk. Sie erzeugen zwar keine eigene Energie, bestimmen aber, wann vorhandene Energie nutzbar wird. In einem Stromsystem mit wachsendem Anteil wetterabhängiger Erzeugung ist diese Fähigkeit von strategischer Bedeutung. Die Solarindustrie hat Elektrizität billig gemacht. Die Batterieindustrie macht sie planbar.

China kontrolliert mehr als nur die Zellproduktion
Chinas Vorsprung beruht nicht allein auf einigen erfolgreichen Unternehmen. Das Land verfügt über ein nahezu vollständiges industrielles Ökosystem. Mehr als 80 Prozent der weltweiten Produktionskapazität für Lithium-Ionen-Batterien befinden sich in China. Chinesische Hersteller stellten 2025 fast drei Viertel der weltweit in Elektrofahrzeugen eingesetzten Batterien bereit. Auch bei den Vorprodukten ist die Konzentration erheblich. China dominiert die Verarbeitung wichtiger Batteriematerialien, die Herstellung von Kathoden und Anoden, den Maschinenbau für Batteriefabriken, die Zellfertigung, die Montage kompletter Speichercontainer sowie große Teile des Batterierecyclings.

Besonders deutlich wird dieser Vorsprung bei Lithium-Eisenphosphat-Batterien. Diese Zellchemie verzichtet auf Nickel und Kobalt, gilt als vergleichsweise sicher, besitzt eine hohe Lebensdauer und eignet sich besonders gut für stationäre Speicher. Im Jahr 2025 entfiel bereits mehr als die Hälfte des weltweiten Marktes für Elektrofahrzeugbatterien auf diese Technik. Bei stationären Batteriespeichern lag ihr Anteil bei mehr als 90 Prozent. Die wesentlichen Materialien und das technische Produktionswissen für diese Batterieklasse sind nahezu vollständig in China konzentriert. Europäische oder amerikanische Unternehmen können deshalb zwar eigene Zellfabriken bauen, bleiben aber häufig von chinesischen Vorprodukten, Maschinen und Prozesskenntnissen abhängig.

Dieser Kostenvorsprung ist erheblich. Batteriepakete waren in China 2025 im Durchschnitt rund 30 Prozent günstiger als in Nordamerika und etwa 35 Prozent günstiger als in Europa. Dahinter stehen nicht nur niedrigere Löhne oder staatliche Unterstützung. Entscheidend sind die industrielle Dichte, automatisierte Großfabriken, erfahrene Zulieferer, kurze Transportwege und ein riesiger Heimatmarkt.

CATL verkörpert den strategischen Wandel
Kein Unternehmen zeigt die Verschiebung vom Elektroauto zum umfassenden Energiesystem deutlicher als CATL. Der Konzern kontrollierte 2025 rund 39 Prozent des weltweiten Marktes für Elektrofahrzeugbatterien. Bei Batterien für stationäre Energiespeicher lag sein Anteil bei etwa 30 Prozent.

Im Jahr 2025 verkaufte CATL rund 121 Gigawattstunden an Speicherbatterien. Im ersten Halbjahr 2026 wuchs das Geschäft mit Energiespeichern erneut besonders stark. Der Umsatz dieses Bereichs erreichte rund 53 Milliarden Yuan und machte inzwischen nahezu ein Viertel des Gesamtgeschäfts aus. Diese Entwicklung zeigt, dass Energiespeicher nicht nur ein Ausweichmarkt für eine schwächere Elektroautokonjunktur sind. Sie entwickeln sich zu einer eigenständigen industriellen Säule. CATL liefert inzwischen Lösungen für Stromnetze, Fabriken, Häfen, Schiffe, Gebäude und Rechenzentren.

Besonders der Energiebedarf künstlicher Intelligenz eröffnet einen neuen Wachstumsmarkt. Große Rechenzentren benötigen kontinuierlich Strom, reagieren empfindlich auf Versorgungsschwankungen und verursachen hohe Lastspitzen. Batteriespeicher können Netzausfälle überbrücken, Lasten verschieben und Strom dann beziehen, wenn er günstig verfügbar ist.

Damit verbindet sich die Batterieindustrie unmittelbar mit dem Ausbau der digitalen Wirtschaft. Wer Speicher, Leistungselektronik und Energiemanagementsysteme beherrscht, besitzt eine Schlüsselposition zwischen Stromerzeugung, Stromnetz und Datenverarbeitung. Neben CATL drängen auch BYD, Sungrow und zahlreiche spezialisierte chinesische Speicheranbieter in internationale Märkte. Sie verkaufen nicht mehr nur einzelne Batteriezellen, sondern komplette Systeme aus Batterien, Wechselrichtern, Kühlung, Steuerungssoftware, Brandschutz und Wartung.

Natrium könnte Chinas Vorsprung weiter vergrößern
China investiert zugleich in alternative Zellchemien. Besonders Natrium-Ionen-Batterien gewinnen an Bedeutung. Natrium ist weltweit reichlich verfügbar und weniger abhängig von geografisch konzentrierten Lithiumvorkommen. Die Technik bietet zudem Vorteile bei niedrigen Temperaturen und gilt für stationäre Anwendungen als besonders interessant.

Im Jahr 2026 begann die industrielle Vermarktung der ersten serienreifen Natrium-Ionen-Systeme. CATL entwickelte Zellen, deren Energiedichte inzwischen an etablierte Lithium-Eisenphosphat-Batterien heranreicht. Erste Serienfahrzeuge wurden vorgestellt, und große Liefervereinbarungen für Natrium-Ionen-Speicher zeigen, dass die Technik die Phase kleiner Demonstrationsprojekte verlässt. Natrium wird Lithium nicht kurzfristig vollständig ersetzen. Die Energiedichte bleibt für viele mobile Anwendungen ein entscheidender Nachteil. Bei stationären Speichern spielen Gewicht und Platzbedarf jedoch eine geringere Rolle. Dort zählen Kosten, Sicherheit, Lebensdauer und die Verfügbarkeit der Rohstoffe.

China könnte deshalb erneut von seiner Fähigkeit profitieren, eine technisch noch junge Lösung schnell zu industrialisieren. Genau dieses Muster hatte das Land bereits bei Solarmodulen, Lithium-Eisenphosphat-Batterien und Elektrofahrzeugen erfolgreich angewandt: zunächst staatlich unterstützte Nachfrage schaffen, anschließend Produktionskapazitäten aufbauen, Kosten durch Skalierung senken und schließlich international expandieren.

Die eigentliche Industrie der Zukunft ist größer als die Batterie
Batterien allein lösen nicht sämtliche Probleme eines erneuerbaren Stromsystems. Entscheidend ist ihre Verbindung mit Netzen, digitalen Steuerungen, Strommärkten und Verbrauchern. China arbeitet deshalb an sogenannten netzbildenden Speichern. Solche Systeme können Aufgaben übernehmen, die traditionell von großen Kohle-, Gas- oder Kernkraftwerken erfüllt wurden. Sie stabilisieren Spannung und Frequenz, stellen kurzfristig Leistung bereit und unterstützen das Netz nach Störungen.

Damit verändert sich die Rolle erneuerbarer Energien grundsätzlich. Solar- und Windanlagen werden von wetterabhängigen Stromlieferanten zu Bestandteilen eines steuerbaren Systems. Kombiniert mit Speichern und intelligenter Leistungselektronik können sie zuverlässiger auf die Anforderungen von Industrie, Verkehr und Rechenzentren reagieren. Genau darin liegt die strategische Bedeutung des chinesischen Vorsprungs. Das Land liefert nicht mehr nur günstige Hardware. Es ist zunehmend in der Lage, komplette Energiearchitekturen anzubieten: Solaranlagen, Windkraft, Wechselrichter, Batteriespeicher, Netztechnik, Ladeinfrastruktur, Steuerungssoftware, Finanzierung und Wartung aus einer industriellen Hand.

Für Schwellenländer ist dieses Angebot besonders attraktiv. Viele Staaten benötigen schnell neue Stromerzeugung, verfügen aber weder über ausgereifte Netze noch über eine eigene Energietechnikindustrie. Chinesische Unternehmen können komplette Projekte errichten und finanzieren. Damit entstehen langfristige technologische, wirtschaftliche und politische Bindungen.

Europa droht eine zweite Abhängigkeit
Europa hat den Aufstieg der chinesischen Solarindustrie lange als Preisproblem betrachtet. Billige Module beschleunigten den Ausbau erneuerbarer Energien, verdrängten aber gleichzeitig große Teile der europäischen Produktion. Bei Batterien droht sich dieses Muster zu wiederholen, diesmal mit noch größeren strategischen Folgen. Eine Solaranlage bleibt auch mit importierten Modulen grundsätzlich betreibbar. Bei Batteriesystemen reichen die Abhängigkeiten tiefer. Software, Batteriemanagement, Ersatzteile, Sicherheitsüberwachung, Datenzugang und regelmäßige Aktualisierungen können über Jahrzehnte eine Rolle spielen. Speicher sind nicht nur Produkte, sondern aktive Bestandteile kritischer Infrastruktur.

Europa reagiert mit Förderprogrammen, Handelsinstrumenten und neuen Fabrikprojekten. Doch der Bau einzelner Zellfabriken reicht nicht aus. Ohne wettbewerbsfähige Vorprodukte, spezialisierte Maschinen, günstige Energie, langfristige Abnahmeverträge und ausreichende Nachfrage bleiben europäische Werke kostenintensiv und anfällig. Hinzu kommt ein politisches Dilemma. Harte Importbeschränkungen können heimische Hersteller schützen, verteuern aber zugleich Elektroautos, Stromspeicher und den Ausbau erneuerbarer Energien. Ein zu langsamer Aufbau der europäischen Industrie erhöht dagegen die Abhängigkeit von chinesischen Anbietern.

Eine tragfähige Strategie müsste deshalb mehrere Ebenen verbinden: eigene Zellproduktion, Zugang zu Rohstoffen, europäische Produktion von Kathoden und Anoden, standardisierte Speichersysteme, Recyclingkapazitäten, langfristige öffentliche Beschaffung und ein Strommarkt, der den wirtschaftlichen Betrieb von Speichern zuverlässig ermöglicht.

Auch Chinas Batterieboom ist nicht frei von Risiken
Der Erfolg der chinesischen Batterieindustrie darf nicht mit grenzenloser Profitabilität verwechselt werden. Auch dort nimmt der Preiswettbewerb zu. Zahlreiche Hersteller von Batteriematerialien arbeiten mit sehr niedrigen oder negativen Margen. Neue Fabriken entstehen teilweise schneller, als die Nachfrage wächst. Die Solarbranche liefert damit eine Warnung für den Speichermarkt. Ein technologischer Vorsprung schützt nicht automatisch vor Überkapazitäten. Wenn Unternehmen Marktanteile um nahezu jeden Preis verteidigen, kann auch eine Zukunftsindustrie ihre wirtschaftliche Grundlage beschädigen.

Zudem wurden viele chinesische Speicheranlagen in der Vergangenheit gebaut, weil neue Wind- und Solarprojekte bestimmte Speicherkapazitäten nachweisen mussten. Nicht alle Systeme wurden anschließend wirtschaftlich oder technisch optimal eingesetzt. Schätzungen zufolge hätte China allein 2025 rund 23 Terawattstunden zusätzliche saubere Elektrizität nutzen können, wenn vorhandene Batteriespeicher effizienter betrieben worden wären.

Der nächste Entwicklungsschritt besteht deshalb nicht im bloßen Bau weiterer Speichercontainer. China muss flexible Strommärkte, Vergütungen für Netzdienstleistungen und verlässliche Geschäftsmodelle schaffen. Speicher müssen Einnahmen erzielen können, indem sie Strom zu günstigen Zeiten aufnehmen, bei hoher Nachfrage abgeben und das Netz stabilisieren. Auch Sicherheitsfragen bleiben zentral. Je größer Batteriespeicher werden, desto höher sind die Anforderungen an Kühlung, Brandschutz, Zellüberwachung und Notfallkonzepte. Hinzu kommen die langfristige Rohstoffversorgung und die Frage, wie ausgediente Batterien zuverlässig gesammelt und recycelt werden.

Schließlich wächst der geopolitische Widerstand. Staaten, die chinesische Solarmodule noch als relativ einfache Handelsware akzeptierten, betrachten große Batteriespeicher zunehmend als Teil ihrer kritischen Infrastruktur. Sicherheitsprüfungen, Herkunftsvorgaben und Einschränkungen für chinesische Komponenten dürften deshalb zunehmen.

Chinas Krise ist zugleich seine nächste Chance
Die Krise der chinesischen Solarbranche zeigt nicht, dass Chinas grüne Industriestrategie gescheitert ist. Sie zeigt vielmehr, wie weit das Land bei der Industrialisierung erneuerbarer Energien bereits gekommen ist. Solarmodule sind zu einem nahezu standardisierten Massenprodukt geworden. Ihre Herstellung bleibt wichtig, doch der größte wirtschaftliche Wert verlagert sich in Richtung Speicherung, Steuerung und Systemintegration. China versucht, diesen Übergang schneller zu vollziehen als seine Konkurrenten. Die überschüssige Solarproduktion sorgt für billige Elektrizität und schafft einen natürlichen Bedarf an Speichern. Die Elektroautoindustrie liefert Batteriewissen, Fabriken und Zulieferer. Der Ausbau künstlicher Intelligenz und digitaler Infrastruktur erzeugt zusätzliche Nachfrage nach zuverlässiger Energie. Staatliche Planung, günstige Finanzierung und ein riesiger Binnenmarkt verbinden diese Bereiche miteinander.

Das Ergebnis könnte eine neue Form industrieller Dominanz sein. In der Vergangenheit kontrollierten wirtschaftlich mächtige Staaten Ölquellen, Raffinerien und Transportwege. In einem zunehmend elektrifizierten Wirtschaftssystem verlagert sich die Macht auf Batterien, Stromnetze, Leistungselektronik und Software. Wer Solarmodule produziert, beeinflusst den Preis der Stromerzeugung. Wer Speicher und Steuerungssysteme kontrolliert, entscheidet dagegen mit darüber, wann der Strom verfügbar ist, welche Industrieanlagen weiterarbeiten können und wie widerstandsfähig ganze Volkswirtschaften gegenüber Netzproblemen und Energiekrisen sind.

Chinas Solarbranche befindet sich daher nicht einfach im Niedergang. Sie ist Teil einer schmerzhaften industriellen Neuordnung. Unternehmen werden verschwinden, Produktionskapazitäten werden stillgelegt und Preiskämpfe werden begrenzt werden müssen. Gleichzeitig nutzt China das technologische Fundament des Solarbooms, um den nächsten strategischen Markt zu beherrschen. Die Industrie der Zukunft ist nicht das Solarmodul und auch nicht die Batterie allein. Sie ist das vollständig elektrifizierte, digital gesteuerte und jederzeit verfügbare Energiesystem. Bei dessen Aufbau hat China bereits einen Vorsprung erreicht, den Europa und die Vereinigten Staaten nicht länger als vorübergehendes Preisphänomen abtun können.



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